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1. Adventssonntag

In der Wallfahrtskirche feierte Pater Stefan Gotkowicz OSPPE am 29. November um 10.00 Uhr den 1. Adventssonntag des neuen Kirchenjahres. Während der Hl. Messe  wurde ein Hirtenbrief von Bischof Dr. Stefan Oster SDB anlässlich des bald beginnenden Hl. Jahres verlesen.

Die Hl. Messe am Sonntag um 10.00 Uhr begann wie jedes Jahr mit der Ankündigung des Advents durch die Mädchenschola: „Wir sagen euch an den lieben Advent.“ Pater Sebastian wies auf den besonderen Charakter der Adventszeit hin. Er bezeichnete sie als „Wartesaal“ bis zum Kommen des Kindes, „das alles in den Schatten stellt, was wir bisher zu glauben, fragen und hoffen wagten“. Anschließend segnete er die mitgebrachten Adventskränze.

Anstelle der Predigt hörten die Kirchenbesucher ein Hirtenwort von Bischof Dr. Stefan Oster SDB zum 1. Advent, das dieser anlässlich des baldigen Beginns des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit verfasste. Und nach der Kommunion forderte eine Meditation von Dr. Meier die Kirchengemeinde zum Nachdenken auf.

Hirtenbrief zum 1. Advent – anlässlich des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit

von Bischof Dr. Stefan Oster SDB

 

Die Barmherzigkeit ist Gottes Gesicht zur Welt

 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

ich möchte Sie einladen, sich in folgende Szene hineinzuversetzen: Sie sind ein Kind von vielleicht acht Jahren und haben einen sehr liebevollen, aber manchmal auch etwas strengen Vater. Aber Sie spüren auch als Kind schon, dass die Strenge des Vaters keine Willkür ist, sondern ernsthafter Ausdruck seiner Sorge, dass das Gute und Wahre

auch in Ihrem Leben zur Geltung kommt. Der Vater mag auch das Schöne und hat ein wundervolles Bild an der Wand in seinem Arbeitszimmer hängen. Ein altes Gemälde, das er sehr liebt und das er Ihnen auch schon oft erklärt hat. Stellen Sie sich nun vor, Sie sind allein und spielen Ball – im Arbeitszimmer des Vaters. Sie sind als Kind ein

wenig ungestüm und wild, der Ball fliegt plötzlich gegen das Bild des Vaters. Es fliegt donnernd herunter, der Rahmen zerknallt, das Glas zerspringt und zerschneidet auch etwas vom Bild. Es ist kaputt. Ihnen bleibt beinahe das Herz stehen, denn Sie wussten ja, dass der Vater schon früher gesagt hatte, dass Sie zum Ballspielen vor die Tür gehen sollten.

Verzweifelt stehen Sie vor dem Bild. Was kann ich tun, was wird der Vater sagen? Wird er mich fest schimpfen, mich womöglich sogar schlagen? Soll ich eine Ausrede erfinden, eine Lüge, dass es ein anderer war oder dass das Bild ganz plötzlich von selbst runtergefallen ist und zerbrochen da lag? Oder, so denken Sie, soll ich schnell meinen Ball verstecken und mich selbst? Der Vater muss jeden Augenblick kommen! Sie sind verzweifelt. Oder sollen Sie doch am besten einfach die Wahrheit sagen? Aber dann, so kommt es in Ihnen hoch, dann gebe ich doch alles zu, dann gebe ich zu, dass ich einen Fehler gemacht habe; dass ich mich über das Verbot des Vaters hinweggesetzt habe; dann gebe ich zu, dass ich Strafe verdiene.

Und noch ein anderes Gefühl in Ihnen kommt hoch: Mir tut es sehr leid. Das schöne Bild. Der arme Vater. Er hat es so gern gehabt! Was tun, was nur tun, was dem Vater sagen? Welcher Herzensregung nachgeben? Der ehrlichen, schmerzhaften oder der unehrlichen in der Hoffnung, der Strafe zu entgehen?

Da steht auf einmal der Vater in der Tür. Er schaut bestürzt auf das zerbrochene Bild. Er schaut Sie an, sein Kind. Er spürt Sie, er spürt Ihre Verzweiflung, aber auch Ihre Unentschiedenheit. Er weiß ja, was los ist – und kommt Ihnen entgegen – mit sanfter Stimme, er beugt sich zu Ihnen runter, weil er Ihre Not spürt. „Komm, mein Kind, erzähl einfach, was passiert ist!“ Und er gibt Ihnen so die Kraft zum Bekenntnis, zur Wahrheit. Er sagt noch: „Aber Du hast doch gewusst, dass Du hier drin nicht Ball spielen sollst“. Und Sie sagen: „Ja, ich hab es trotzdem gemacht“. Und der Vater nimmt Sie einfach in den Arm und sagt: „Es ist alles gut. So was kann passieren. Es ist nur ein Bild. Und sicher kann man es reparieren.“ Und der Vater freut sich, dass Sie ehrlich waren. Und Sie schämen sich schon noch ein wenig und es tut Ihnen leid, aber Sie sind so überglücklich, dass der Vater nicht laut schimpft! Und Sie wünschten sich, Sie könnten es wieder gut machen. Und Sie wollen irgendwas tun, was dem Vater Freude macht. Und Sie sind auch froh, dass Ihnen der Vater geholfen hat, die Wahrheit zu sagen.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn man eine solche Situation intensiv erlebt, wenn man sich von der Bereitschaft zur vergebenden Liebe wirklich berühren lässt, dann verändert sich das Herz! Ein Kind, das in der geschilderten Situation war, wird vermutlich wie von selbst in Zukunft kaum noch einmal im Zimmer des Vaters Ball spielen. Es

braucht gar nicht daran erinnert werden. Es ist bewegt von der Liebe des Vaters und seine eigene Liebe zum Vater hat sich auch vermehrt. Der Vater vergibt. Er ist nicht nur gerecht oder streng, er ist zutiefst barmherzig.

Liebe Schwestern und Brüder, angesichts unserer eigenen Verfassung im Gegenüber zu unserem Vatergott ist die überfließende Barmherzigkeit seine unglaublichste, seine schönste Eigenschaft. Sie ist sein Gesicht zur Welt, sie ist in der Liebe Jesu abgründig tief verwirklicht. Gott ist immer neu und immer wieder und ohne Ende bereit zur barmherzigen Zuwendung, insbesondere zur Vergebung von allem, was aus unserer

Sicht seiner Wahrheit und Liebe nicht entspricht. Aber an dem Beispiel spüren wir vielleicht auch, wie sehr barmherzige Liebe ein Geschehen ist, zu dem mindestens zwei gehören. Derjenige, der vergibt – und derjenige, der sich in das Licht dieser Vergebung stellt, in seine Wahrheit und Liebe. Derjenige, der sich von dieser Barmherzigkeit berühren lässt, der nicht davon läuft, derjenige, der sie annimmt, der sich vom barmherzigen Vater auch die Kraft zur neuen Hinwendung zu ihm schenken lässt. Die immer neue Heilung des Herzens, die uns der Vater anbietet und schenken will, geschieht nicht, wenn wir selbst uns vor ihr verschließen. Das Beispiel kann uns auch zeigen, wie Wahrheit in das Geschehen von barmherziger Vergebung hinein gehört. Das Kind könnte sich verschließen, könnte in der Lüge verbleiben – und selbst wenn es dann die Vergebung des Vaters erfahren würde, würde diese Liebe sein Herz nicht erreichen und verwandeln können. Die Lüge schließt uns ein. Sie macht uns das Herz hart und stumm und kalt.

Wie sehr, liebe Schwestern und Brüder, wie sehr sehnt sich unser Gott danach, unser Herz zu berühren. Wie sehr sehnt er sich nach neuer Hinwendung zu ihm hin. Wie sehr würde er sich wünschen, dass wir – seine ballspielenden Kinder – immer neu spüren könnten, dass wir getragen sind von seiner barmherzigen, wahrhaftigen und vergebenden Liebe. Und weil er uns das geben will, hat er uns ein wunderbares Geschenk gemacht: das Sakrament der Versöhnung.

Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen alle, dass dieses Sakrament in der kirchlichen Praxis bei uns vielerorts keinen allzu großen Stellenwert mehr hat. Kann es sein, dass das daran liegt, dass unsere Überzeugung von seiner Kraft und vielleicht auch die Überzeugung von der Gegenwart der barmherzigen Liebe am Schwinden ist? Kann es sein, dass viele von uns sich schwer tun zu glauben, dass der Herr uns wirklich vergibt? Oder kann es sein, dass viele sich schwer tun, überhaupt zu glauben, dass es das tatsächlich gibt: aus der wirklichen Erfahrung leben zu dürfen, dass unser Gott unfassbar barmherzig ist? Oder kann es vielleicht sein, dass wir uns mit der Wahrheit über uns selbst schwer tun? Ja, es gibt die Seite in mir und in uns allen, die manche unserer unguten Eigenschaften oder schlechten Angewohnheiten lieber im Keller der eigenen Seele verschwinden lässt. Wir halten äußerlich gerne den Deckel drauf, damit keiner merkt, was da alles da ist. Aber, liebe Schwestern und Brüder: Den Deckel drauf halten

schafft keine Befreiung, keine Wandlung, keine Erlösung. Wandlung beginnt, wo wir das alles ins Licht der Wahrheit halten, wo wir es bekennen, wo wir es von der barmherzigen Liebe Gottes wirklich anstrahlen lassen können. Er liebt uns, er kennt uns, er vergibt immer und immer wieder. Und wenn Sie nun meinen: „Aber dieses und jenes

in mir kann ich doch einem Priester nicht einfach sagen“, dann seien Sie getröstet! Als Beichtvater habe ich schon so viele seltsame, komische oder auch manch schlimme Dinge anhören müssen und dann in absoluter Diskretion vor den Herrn bringen dürfen, da fallen Sie und Ihre Sünden ziemlich sicher nicht aus dem Rahmen. Keiner von uns ist ganz heil in seiner Seele. Und unser Bistum und unsere Priester schenken oft und viele Möglichkeiten, unkompliziert das Sakrament der Versöhnung zu empfangen, vor allem auch an unseren Wallfahrtsorten Altötting, Passau Maria-Hilf, Sammarei und andernorts. Es lohnt sich sehr, gerade jetzt auch in der Adventszeit.

Geben wir dem Herrn die Gelegenheit, in uns hineinzulieben und hineinzuleuchten. Er kann es aber nicht, wenn wir Ihm nicht wahrhaftig begegnen und Ihm diese Dinge nicht immer wieder hinhalten. Gegen ein verschlossenes Herz ist auch der allmächtig liebende Gott ganz ohnmächtig. Warum? Weil er nur Liebe ist und die Liebe nicht zwingen kann!

Unser Papst Franziskus hat dieses heute beginnende neue Kirchenjahr zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit Gottes ausgerufen. Wir eröffnen dieses Jahr feierlich am 8. Dezember, um 18 Uhr im Dom zu Passau. Herzlich lade ich dazu ein. Es wird eine Heilige Pforte der Barmherzigkeit geöffnet, die wir dann gemeinsam durchschreiten. Es wird viele Initiativen im Bistum zu diesem Jahr geben. Ich freue mich jetzt schon, es mit Ihnen zusammen als ein Jahr zu begehen, in dem wir uns alle von neuem der unfassbaren, barmherzigen Liebe unseres Gottes vergewissern und uns von ihr berühren lassen dürfen. Amen.

Gegeben am 1. Advent 2015

Dr. Stefan Oster SDB

Bischof von Passau