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1. Fastensonntag mit Hirtenbrief

Am 1. Fastensonntag, dem 14. Februar wurde in allen Gottesdiensten der Hirtenbrief von Bischof Dr. Stefan Oster SDB verlesen.

Hirtenbriefe sind Rundschreiben des Bischofs an alle Priester und Gläubigen zu bestimmten Anlässen. Tradition ist der Hirtenbrief zu Beginn der Fastenzeit.  Bischof Stefan nahm das Hl. Jahr der Barmherzigkeit zum Anlass und befasste sich in seinem Hirtenbrief  mit dem Ablass „als geistigen Schatz“:

 Hirtenbrief zum 1. Fastensonntag

anlässlich des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit

Bischof Dr. Stefan Oster SDB

 

 

Umarmt von Gottes Barmherzigkeit –

den Ablass als geistlichen Schatz neu entdecken

 

Liebe Geschwister im gemeinsamen Glauben,

wir stehen im Jahr der Barmherzigkeit und die allermeisten von Ihnen wissen, dass wir

am 8. Dezember im Hohen Dom St. Stephan in Passau die Pforte der Barmherzigkeit

eröffnet haben. In Altötting haben wir am Aschermittwoch ebenfalls eine Pforte der

Barmherzigkeit eröffnet, und zwar in der Beichtkirche St. Magdalena. Und am 1. Mai

zur Eröffnung der Wallfahrtssaison wird auch in der St. Anna-Basilika in Altötting

noch einmal eine Pforte der Barmherzigkeit eröffnet. Papst Franziskus möchte, dass

wir mit dem Gehen durch die Pforte der Barmherzigkeit eine geistliche Erfahrung ma-

chen. Lassen wir uns beim Durchschreiten der Pforte gleichsam umarmen von Gottes

Barmherzigkeit, schreibt uns der Papst.

 

Ich möchte die Gelegenheit dieses Hirtenbriefes nutzen, um eine geistliche Wirklichkeit

zu erklären, die oft umstritten, weithin vergessen, die aber im Grunde wirklich ein

Schatz ist, den sogenannten Ablass. Was ist eigentlich der Ablass? Und wie hängt er

mit unseren Pforten der Barmherzigkeit zusammen? Und warum ist das auch unse-

rem Papst so wichtig im Jahr der Barmherzigkeit? Zunächst ist es nötig festzuhalten:

Der Ablass ist nicht Vergebung der Sünden. Der Ort der Vergebung der Sünden ist vor

allem und zuerst das Sakrament der Beichte. Und um es gleich vorweg zu sagen: Es

gibt auch keinen Ablass ohne  die Verbindung mit der Beichte. Aber was heißt dann

eigentlich Ablass? Wer oder was wird da abgelassen oder besser nachgelassen?

 

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie ärgern sich über eine Arbeitskollegin und ver-

breiten deshalb ein böses Gerücht über sie, zum Beispiel, sie habe ein heimliches Ver-

hältnis mit dem Chef. Sie wissen natürlich, dass gerade solche Gerüchte ganz schnell

herum gehen. Plötzlich weiß es jeder, jeder spricht darüber. Und Ihnen wird auf ein-

mal schlagartig bewusst, wie verkehrt Ihr Ärger über die Kollegin war und wie verkehrt

es vor allem war, das Gerücht zu streuen. Nun nehmen wir an, Sie wären ein frommer

Katholik und haben wirklich ein schlechtes Gewissen, also gehen Sie zur Beichte und

bitten um Vergebung dieser Schuld und Sie gehen sogar zur Kollegin und entschuldi

gen sich. Wir dürfen nun tatsächlich von ganzem Herzen glauben, dass Gott in Chris-

tus wirklich und vollständig jedem Menschen vergibt, der aufrichtig bekennt und be-

reut. Gottes barmherzige Liebe umarmt Sie hier im Sakrament der Versöhnung – und

so erfahren Sie persönlich auch tatsächlich Vergebung. Die Schuld ist verziehen.

 

Aber nun gehen Sie nach Hause oder an den Arbeitsplatz zurück, und merken plötzlich:

die Folgen Ihrer Sünde, die können Sie nicht mehr einfangen, nicht mehr gut machen.

Das Gerücht ist in der Welt und alle glauben es immer noch. Auch wenn Ihre eigene

Schuld verziehen ist! Und die betroffene Person leidet immer noch richtig Schaden

– durch Ihre Sünde, durch das böse Gerücht. Und das fällt natürlich irgendwie auch

auf Sie zurück. Denn wir spüren hier, liebe Schwestern und Brüder, dass wir selbst

an den Folgen unserer Schuld zu tragen haben – auch dann, wenn die eigentliche

Sünde schon vergeben ist. Wir tragen an den Folgen, so wie zum Beispiel ein Alkoho-

liker immer noch an den Folgen seiner Sucht trägt, auch wenn er trocken ist und ab-

stinent lebt. Die Folgen der Sünde sind noch in der Welt. Wenn Ihnen der Priester in

der Beichte eine Buße aufgibt, dann hat das auch diesen Sinn: Tun Sie etwas, wodurch

die Welt wieder ein wenig besser wird, weil sie ja zuvor durch Ihre Sünde schlechter

geworden ist.

 

Der Ablass, liebe Schwestern und Brüder, bezieht sich nun auf diese Folgen der Sünden.

Sie sind gewissermaßen Sündenstrafen, die wir selbst tragen müssen – aber durch den

Ablass werden wir davon auch noch befreit. Wie kann man sich das vorstellen? Nun,

wir glauben, dass es unter uns Christen ein tiefes Zusammengehören gibt. Wir sind

ein Leib, sagt Paulus im Korintherbrief. Und wenn ein Glied sich freut, freuen sich

alle, und wenn ein Glied leidet, leiden alle mit. Wo Menschen wirklich Gemeinschaft

sind, wo sie einander lieben, dort können wir das erleben. Wir tragen dann einander

und wir teilen Freude und Leid. Und sicher kennen Sie auch die Erfahrung, die der

Volksmund in ein Sprichwort kleidet: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wir machen die

Erfahrung, dass andere unser Leid mittragen, dass sie uns tragen helfen. Und oftmals

können andere unser Leid gerade deshalb mittragen, weil sie selbst gerade nicht in ei-

ner leidvollen Situation sind; sondern weil sie eben Kraft haben, mit uns mitzugehen.

Wir spüren, wie das hilft, wenn im Schmerz jemand an unserer Seite geht und mitträgt.

 

Und nun stellen Sie sich vor, Sie haben gesündigt, die Folgen Ihrer Sünde sind noch in

der Welt, aber Sie möchten für diese Folgen einen Ablass erwerben. Sie beichten also

Ihre Sünden, gehen zur Hl. Messe, beten ein Gebet nach Meinung des Hl. Vaters und

gehen dann auch noch durch die Heilige Pforte. Wenn Sie dann Gott um einen Ablass

bitten, dann werden Ihnen die Folgen der Sünden, die auf Sie selbst zurückfallen, auch

noch abgenommen. Wie ist das möglich? Nun, wir glauben, dass Christus selbst und so

viele heilige Frauen und Männer unserer Kirche einen Überschuss an Liebe geschenkt

haben. So viel, dass uns dieser Liebesschatz gemeinsam tragen und mittragen kann

und auch noch die Folgen unserer Sünden kompensieren kann.

 

Liebe Schwestern und Brüder, im Grunde ist das ja ganz einfach zu verstehen: Wenn die

Liebe eine soziale Dimension hat, dann hat die Sünde auch eine. Und wenn das Gute

das Böse besiegt, dann können auch die Folgen der Liebe Christi und der Heiligen die

Folgen der Sünde tragen. Das ist der Sinn des Ablasses. Und der Heilige Vater wünscht

sich, dass bei vielen von uns durch den Gang durch die Heilige Pforte diese Form der

Reinigung und Erneuerung unseres Herzens oft und oft geschieht. Und weil die Fol-

gen der Sünde auch eine soziale Dimension haben, können wir diesen Ablass für uns

selbst und sogar für unsere lieben Verstorbenen erwerben.

 

Liebe Schwestern und Brüder, ich hoffe, Sie verstehen, dass ich Sie nicht einfach mit alten

Vorstellungen belästigen möchte, die ohnehin keiner mehr glaubt. Und tatsächlich ist

ja gerade der Ablass vor der Zeit der Reformation so missbraucht und entstellt worden,

dass er sogar einer der Auslöser für die Reformation und damit für die Kirchenspal-

tung wurde. Daher ist der Ablass  ein umstrittenes Thema. Aber wir sollten als Chris

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tinnen und Christen unserer Kirche nicht das Kind mit dem Bad ausschütten: Auch

der Ablass ist Zeichen des barmherzigen, des liebenden Handelns Gottes an uns. Ich

möchte Sie ermuntern, dieses Geschenk in der vorliegenden Fastenzeit zu empfan-

gen, verbunden mit dem Sakrament der Beichte: Gott liebt Sie mit unendlicher, mit

unfasslich barmherziger Liebe. Er ist immer und immer wieder bereit zur Vergebung

und zur Versöhnung. Ja, er will uns mit dem Ablass auch die Folgen unserer Schuld

wegnehmen, die auf uns lasten. Ich wünsche Ihnen daher, dass Sie mit einem aufrich-

tigem Herzen durch diese Zeit auf Ostern hin gehen können, mit einem Herzen, das

sich freuen kann über einen so großartigen Gott und über die Gemeinschaft all derer,

die zu ihm gehören. Dazu segne Sie unser barmherziger Gott, der Vater, der Sohn und

der Heilige Geist.

 

Gegeben am 1. Fastensonntag

im Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit 2016

 

Dr. Stefan Oster SDB

Bischof von Passau