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Stadtwallfahrt

Am Mittwoch, dem Fest „Mariä Namen“, das immer am 12. September begangen wird,  zogen auch heuer wieder viele Gläubige aus Passau und Umgebung betend in einer Lichterprozession den Mariahilfberg hinauf, um im Wallfahrtshof eine Andacht zu beten. Prediger war Stadtdekan Helmut Reiner.

Stadtdekan Helmut Reiner begrüßte alle versammelten Gläubigen und alle Geistlichen zur eucharistischen Andacht. Jede brennende Kerze, so stellte der Domdekan fest, erinnere an Jesu Wort „Ich bin das Licht der Welt“ wie an den Auftrag für alle Christen, ihr Licht vor den Leuten leuchten zu lassen, damit auch diese die guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen würden.  Außerdem könne jeder mit seinen persönlichen Anliegen und Sorgen, aber auch mit denen von Kirche und Welt zu Maria kommen.

Nach der Predigt beteten alle das alte Mariengebet „Unter deinen Schutz und Schirm …“.

Abschließend erteilte Domdekan Helmut Reiner den apostolischen Segen.

Mit Unterstützung von Chor und Bläsern von Mariahilf wurden mehrere beliebte Marienlieder gesungen.

Predigt von Stadtdekan Helmut Reiner:

Wenn jemand, der in Passau nach dem Weg fragt, auf die Luitpoldbrücke ge­schickt wird, würde der Hinweis selbst bei manchem Passauer ein fragendes Gesicht auslösen: Wo ist denn die? Gemeint ist die heuer am Fest Maria Him­melfahrt nach langwierigen Erneuerungsarbeiten wieder für den Verkehr eröff­nete Hängebrücke. Sie bekam bei der Eröffnung 1911 den Namen des „Prinz­regenten Luitpold von Bayern”, der Ende 1912 im Alter von 91 Jahren verstarb. Nicht so fragwürdig wäre es, jemanden über die Marienbrücke zu schicken. Da dämmert es vielen: Das kann nur die Innbrücke sein. Diese gibt es seit 875 Jah­ren. 1143 wurde sie zunächst als Übergang mit 13 Holzpfählen errichtet. Das brachte nicht nur zahlreiche Hochwasserschäden, sondern kostete beim Stadt­brand 1662 vielen Menschen das Leben. Im 19. Jh. wurde sie auf Steinpfeiler gesetzt und mit Eisen verstärkt. Zur Erhaltung der Brücke gründete der Passauer Bischof Bernhard von Prambach Ende des 13. Jahrhunderts ein eigenes Innbruckamt, in das mehrere Pfarreien ihre Einkünfte geben mussten. Ich hoffe, das hört der Oberbürgermeister nicht. Was haben die Flussüberquerungen Hängebrücke, Innbrücke und die 1970 durch die Schanzlbrücke ersetzte und abgerissene Maxbrücke bei der Wittgasse gemeinsam? Alle drei wurden 1945 bei Kriegs­ende gesprengt. Stellen Sie sich eine solche Situation beim heutigen Verkehrs­aufkommen vor. Nach dem baldigen Wiederaufbau bekam die Innbrücke am 1. 12. 1947 bei der Segnung den Namen Marienbrücke, weil sie nach Mariahilf führt. Jetzt sind wir dem historischen Grund der heutigen Lichterprozession etwas näher gerückt. Es wurden bei Kriegsende nicht nur Brücken zerstört, um die Amerikaner, aus dem Bayerischen Wald kommend, möglichst lange aufzuhalten. Eingefleischte Nazis und SS-Truppen wollten um jeden Preis Widerstand leisten. In dieser brenzligen Situation haben die Passauer Katholiken eine Dankprozession versprochen, wenn die Dreiflüssestadt nicht weitere Zerstörungen und Todesopfer zu beklagen hat. Denn Luftangriffe hatten schon im Umfeld des Bahnhofs viel Unheil angerichtet.

Dürfen wir nach 73 Jahren diesen Anlass vergessen und die versprochene Prozession einstellen? Wir müssen nicht nur Flüsse, Täler und Schluchten überbrücken. Wir müssen im menschlichen Leben Zwistigkeiten und Zerwürfnisse, personelle Engpässe oder andere Not­situationen überbrücken und oft genug mit einem Provisorium zurechtkommen. Das ist von seinem Namen her eine behelfsmäßige Einrichtung und ein hoffent­lich vorläufiger Zustand. Theologisch gesprochen ist unser Leben als Mensch und Christ auf dieser Welt nicht der Endpunkt, sondern ein Pilgern durch die Zeit und etwas Vorläufiges, also ein Provisorium. Denn es kommt die Ewigkeit bei Gott. Aber ein Menschenleben als Vorlauf in die ewige Gemeinschaft mit Gott in der Auferstehung ist deshalb noch lange nicht unbedeutend für das, was kommt. Wir müssen in diesem Leben Gott suchen, ihm die Ehre geben und Christus nachfolgen. Da braucht es Orientierung und Begleitung, damit wir so durch das Zeitliche gehen, dass wir das Ewige nicht verlieren, heißt es in einem Gebet.

In Rom ist eine der vier Patriarchalbasiliken die Kirche Santa Maria Maggiore. Die schon in der Mitte des 4. Jahrhunderts errichtete Marienkirche wurde nach der Verkündigung des Glaubenssatzes von der Gottesmutterschaft Marias beim Konzil von Ephesus 351 vergrößert. Dort wird ein Marienbild verehrt, das von Lu­kas gemalt worden sein soll. Bei der jüngsten Renovierung des berühmtesten Marienbildes der ewigen Stadt, nach 86 Jahren, wurde nicht nur das Alter des Holzes vor die Zeit der 1. Jahrtausendwende datiert. Zu den Verehrern dieses Bildes, das seit 1613 in einem von Engeln getragenen Bronzerahmen gehalten wird, gehört auch Papst Franziskus. Er hat nicht nur am Tag nach seiner Wahl, nach der persönlichen Begleichung seiner Hotelrechnung, vor dem Marienbild gebetet. Er besucht es regelmäßig, besonders immer vor und nach einer Auslandsreise, zuletzt wieder vor und nach der Irlandreise, insgesamt schon ca. 60 Mal. Als Ende Januar 2018 das von den Vatikanischen Museen renovierte Bild wieder an seinen Platz kam, feierte der Heilige Vater einen Gottesdienst und predigte über das bekannte Mariengebet: „Unter deinem Schutz und Schirm”. Dabei sagte er auch Folgendes: “Die Mutter wacht über den Glauben, schützt

die Beziehungen, rettet in den Unbilden und bewahrt vor dem Bösen. Wo die Jungfrau zuhause ist, kommt der Teufel nicht herein. Wo die Mutter da ist, da nimmt die Verwirrung nicht überhand und kann sich die Angst nicht verbreiten”. Ob Menschen in Rom vor dem Marienbild „Salus Populi Romani” (Heil des römischen Volkes), wir hier an diesem Gnadenort Mariahilf oder andere an den unzähligen Marienorten irgendwo auf der Welt Maria anrufen, allen ist gemein­sam: Menschen tragen ihre Sorgen und Ängste, ihre Leiden und scheinbar unlös­baren Probleme vor die Mutter Gottes und bitten um ihre Fürsprache. Der auch im Gotteslob (GL 5,7) als ältestes Mariengebet bezeichnete Text lautet: „Unter deinem Schutz und Schirm fliehen wir o heilige Gottesmutter”.

Das Gnadenbild von Mariahilf ist nur eine Kopie des Cranachbildes. Erzherzog Leopold V., der regierende, aber nicht geweihte Bischof von Passau durfte es sich bei einem Besuch des protestantischen Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen selbst aussuchen und als Gastgeschenk aus Dresden mitnehmen. Es war zum Schutz vor dem reformatorischen Bildersturm aus der Dresdner Kreuzkirche entfernt worden und fast 100 Jahre in der Schatzkammer des Kurfürsten aufbe­wahrt. Der Passauer Domdekan Marquard von Schwendi ließ 1611 davon eine ver­größerte Kopie anfertigen, ehe das Original 1619 zusammen mit Leopold, dem neu ernannten Landesfürsten, nach Innsbruck kam. Dort hängt es in der Kirche St. Jakob, dem jetzigen Dom der Tiroler Diözese. Die Passauer Kopie hingegen kam in die 1624 von Schwendi errichtete Wallfahrtskirche auf dem Schulerberg über dem Inn. Dass später ausgehend vom Passauer Mariahilfbild weit über 500 Verehrungsorte im deutschsprachigen Raum entstanden, hatte eine andere Be­wandtnis. Auf den Tag genau, heute vor 335 Jahren am 12. September 1683 wurden die Gebete des von Wien nach Passau geflüchteten Kaisers erhört. Die vor seiner Residenzstadt stehenden türkischen Heere wurden bei der Schlacht am Kahlen Berg besiegt und zogen ab. Kaiser und Hofstaat waren unter Begleitung eines Kapuziners nach Passau unter den „Schutz und Schirm Marias” geflohen. Sie haben um Erlösung von allen Gefahren gebetet.

Die aktuelle weltpolitische Lage gleicht einer an einer Schnur aufgereihten zahlreichen Krisenpunkte: Krieg, Terror, Natur- und Umweltkatastrophen gehen einher mit der Tatsache, dass sich Staaten eigentlich in Solidarität in der EU vereint, in nationalistischen Egoismen abschotten und so gemeinsame Lösungen von drängenden Problemen, nicht nur der Asylantenfrage, in weite Ferne rücken. Eine teils problematische Parteienlandschaft sucht ihre Anhänger und Wähler, und der nach der Wende überwunden scheinende kalte Krieg gewinnt wieder Platz in den Köpfen. Menschenleben sind nicht nur durch Unglücke und Krank­heiten, wie seit eh und je, in Gefahr. Der Lebensschutz vom Anfang bis zum Ende ist zur Manövriermasse geworden von der Abtreibung bis zur Euthanasie. Der Abgrund zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Während die einen im Geld schwimmen und nur darauf aus sind, noch mehr zu bekommen und dabei die Menschenwürde oft keine Rolle spielt, wissen viele auf der ganzen Welt – auch bei uns – nicht, wie sie angesichts ihrer mangelnden finanziellen Ressourcen, z.B. geringe Verdienste und kleine Rente, sich über Wasser halten sollen.

Was tut Maria? Sie empfiehlt das, was sie selbst ernst genommen hat: „Mir geschehe nach deinem Wort!” Sie sagt nicht nur den Dienern bei der Hochzeit zu Kana: „Was er euch sagt, das tut!”. Auf diese Weise soll wirklich werden, was das Mariengebet in den Worten ausdrückt: „Versöhne uns mit deinem Sohne, em­pfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne”. Wir wollen unsere Anliegen vor die Gottesmutter tragen und gestärkt und getröstet in unseren Alltag zurückkehren. Amen.