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Äußeres Patroziniumsfest des Paulinerordens

Anlässlich des Hochfestes des hl. Paulus von Theben, des Ordenspatrons der Pauliner, feierte Domdekan Monsignore Dr. Hans Bauernfeind mit der Mariahilfer Kirchengemeinde und Pater Beniamin und Pater Thomas vom Paulinerorden am Sonntag, 17. Januar, um 10.00 Uhr einen feierlichen Gottesdienst.

Gleich zu Beginn des Festgottesdienstes am Sonntag um 10.00 Uhr erklang der Hymnus des hl. Paulus, eine Komposition von Erich Weber. Wallfahrtsrektor Pater Beniamin begrüßte alle Kirchenbesucher. Er sprach seine Freude darüber aus, dass er Herrn Domdekan Monsignore Dr. Hans Bauernfeind als Zelebranten und Festredner gewinnen konnte. Gott dankte er für Seinen Schutz des Paulinerordens über die Jahrhunderte hinweg und bat Ihn zugleich um neue Berufungen.

Der Domdekan eröffnete den Festgottesdienst.  Jubel und Freude seien angebracht, stellte er anschließend fest, dass  Gott der Kirche den hl. Paulus von Theben geschenkt habe. Denn von diesem Heiligen könne man viel für das Leben lernen.

Die besonders festliche musikalische Gestaltung lag in Händen des Chorleiters von Mariahilf, der mit Orgel und Sologesang und unterstützt von einem Trompeter den Gottesdienst begleitete.

 

Predigt von Herrn Domdekan Monsignore Dr. Hans Bauernfeind zu Patroziniumsfest des Paulinerordens in der Wallfahrtskirche Mariahilf:

Verehrte Schwestern und Brüder, liebe Angehörige des Paulinerordens,

einige Jahrzehnte ist es schon her, aber es spielt sich immer wieder so ab: Einer meiner Freunde hatte den damals neuesten Schrei von Uhr am Handgelenk: eine digitale Uhr. Zeiger waren nicht mehr zu sehen, auch kein richtiges Ziffernblatt. Alles, was ich und andere Freunde sahen, war eine Uhr mit schwarzgrauer digitaler Zahlenanzeige. Und die Sekunden huschten von Zahl und zu Zahl still weiter. Die Anzeige war sogar beleuchtbar. Was für ein Fortschritt. Phantastisch. – Der Freund fragte uns: Wollt ihr, dass ich euch die Uhr erkläre? Wir antworteten: Ja, wie funktioniert sie? Was kann sie alles? – Das sprach uns allen aus dem Herzen. Die Neugier war riesig. – Unser Freund erlöste uns mit den großzügigen Worten: Kommt her. Ich zeige sie Euch. – Die Wirkung? – Sobald es die mickrigen Ersparnisse zuließen, wechselten auch wir von analoger zu digitaler Uhr.

Hätte der Freund uns seine Uhr – wohl auch mit etwas Stolz – nicht gezeigt, hätte er uns die Einsicht in die Funktionen nicht zugänglich gemacht, wären wir wohl bei unseren alten Uhren geblieben. Unsere Sehnsucht nach Neuem, nach Fortschritt und dem Mehr im Leben war groß.

Ähnliches ereignet sich auch im heutigen Evangelium nach Johannes. Zwei Jünger des Johannes des Täufers halten sich mit ihrem Meister am Fluss Jordan auf. Da geht Jesus vorbei. Johannes der Täufer weist auf ihn mit den Worten hin: „Seht das Lamm Gottes!“ Das heißt so viel wie: „Ihr zwei Jünger, schaut auf diesen Jesus. Der kann euch mehr geben, als ich es je vermag. Bei ihm findet ihr das, was euch im Leben weiterbringt. Ich sage das mit aller Demut. Ich sage es euch, weil ich es gut mit euch meine.“

Tatsächlich gehen die beiden Jesus nach. Johannes hatte sie bisher begleitet, sie mit Gedanken an Gott und mit der Weisheit, das Leben zu deuten, inspiriert. Jetzt suchen sie mehr.

Als ob Jesus deren Gedanken gelesen hätte, bleibt er stehen und fragt sie: „Was sucht ihr?“ Diese antworten sehr direkt: „Rabbi, Meister, wo wohnt du?“ – Jesus spürt ihre Neugier. Die Frage kommt von Herzen. So antwortet er: „Kommt und seht!“. Es heißt: „Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenem Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.“

Was die drei miteinander besprochen haben, bleibt uns verborgen. Aber da kann sich jede und jeder einen eigenen Reim darauf machen: Wer bist du, Jesus? Wie lebe ich richtig vor Gott? Wer ist Gott? Wie steht Gott zu uns? Mag er uns? Können wir ihm gerecht werden? Ist es sinnvoll, auf dich, Jesus, zu hören? Worin liegt der Unterschied zwischen Dir und Johannes den Täufer? –

Lassen wir uns demnächst in einer stillen halben Stunde auf unsere eigenen Fragen ein. Sprechen wir sie Jesus zu und hören wir schweigend auf ihn – bis er in uns zu sprechen beginnt. Eine halbe Stunde ist nicht viel Zeit. – Im Übrigen: Solche Besinnung macht mich geistlich immer einsichtiger und stärker. – Es interessiert auch andere, wie ich die Gemein- schaft mit Jesus erfahre. Davon zu erzählen, vermag andere neugierig auf Jesus zu machen.

Einer der dargestellten Jünger ist Andreas gewesen, der Bruder des Simon. Sein Herz ist voll von der Begegnung mit Jesus. Zum Bruder spricht er: „Wir haben den Messias gefunden, Christus, der der Gesalbte ist.“ So eine Aussage sprengt alle Erwartungen. Da bleibt es nicht aus, dass Andreas nun seinerseits Simon zu Jesus führt. Die anschließende Begegnung lässt für den Bruder eine neue Welt aufgehen, stillt die Sehnsucht nach dem Mehr im Leben und bringt eine Kraft in sein Herz, die die Welt verändern kann. Ausdrücklich steht aufgeschrieben: Jesus blickte ihn an und sprach: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.“

Schwestern und Brüder,

im Januar denken unsere Paulinerpatres und -brüder an den Heiligen Paulus von Theben. Sie sehen in ihm ihren geistlichen Ordensgründer, ihr Vorbild, als Ordensleute zu leben. Über 90 Jahre soll er in Oberägypten in der Wüste als Anachoret im 4. Jahrhundert gelebt haben. Ein Anachoret ist ein Mensch, der die Stadt verlässt und sich als Eremit in die Einsamkeit der Wüste zurückzieht. Eigentlich war der Hinausgang aus der Stadt eine Flucht. Paulus stammte aus vermögenden Verhältnissen. Ein Verwandter wollte die Christenverfolgung unter Kaiser Decius ausnutzen und so unrechtmäßig an den Besitz des Paulus gelangen. Doch dieser hatte genug. Er ließ alles zurück und ging. Er suchte wohl einerseits in der Wüste Schutz, aber noch mehr nach Antworten auf die vielen Fragen seines Lebens, nicht zuletzt, warum es das Böse, die Verfolgung von Christen, die Habgier und ein Leben ohne Verantwortungsgefühl vor Gott geben kann.

Wenn wir auf die vielen Jahrzehnte hinblicken, die der Heilige in einer Wüstenhöhle verbracht hat, dann scheint es wie ein Ruf Jesu gewesen zu sein, der den Paulus auf dem Weg in die Wüste fragte: „Paulus, was suchst du?“. Er wird wohl erwidert haben: Ich suche nach Antworten. Ich suche Dich. Wie kann ich weiterleben? Wohin geht mein Leben? Was wird aus dem Leben der Menschen und ihrem Miteinander werden?

Paulus hatte gewiss das Evangelium des heutigen Tages vor Augen, wenn Jesus antwortet: „Komm und sieh.“

90 Jahre lang blieb er bei Jesus in der Höhle und in der Wüste. 90 Jahre konnte er dort leben und überleben. Die Legende sagt, ein Rabe habe ihm täglich einen halben Laib Brot gebracht. Dies ist nur ein Hinweis dafür, dass der Heilige in der Wüste zurechtkam und in der Begegnung mit Jesus an kein Ende kommen wollte und konnte.

Wie es im Leben so spielt, blieb eine derart außergewöhnliche Lebenshaltung nicht verborgen. Der berühmte Wüstenmönch Antonius besuchte sein großes Vorbild Paulus kurz vor dessen Tod. Der lässt den Besucher zunächst nicht in seine Höhle hinein, auch wenn dieser heftig darauf besteht. Fühlt sich Paulus gestört? Fürchtet er, die Nähe Jesu aus dem Herzen zu verlieren? Hat er Angst, schwierige Fragen beantworten zu müssen? Ist er vielleicht menschenscheu geworden? – Vielleicht treffen all diese Möglichkeiten auf Paulus zu.

Aber am Ende lässt er den Wüstenvater Antonius ein. Er begründet sein Verhalten mit der weisen Einsicht: Gewalt und Ich-gewolltes-Drängen führen nicht zum Ziel, bei Jesus Einlass zu finden. Es ist die stille Neugier, einfach der Glaube, eingelassen zu werden, wenn die Zeit reif ist. Nach 90 Wüstenjahren hört sich das Wort des Paulus beinahe wie Satire an, die ihn selbst betrifft.

Aber sein Wort wirkt. Antonius, der Inbegriff des Wüstenmönchs, lernt von Paulus hinzu. Für ihn bleibt Paulus von Theben inspirierendes Vorbild.

Und so kommen beide in ein frohes Gespräch. Sie sind Seelenverwandte. Hieronymus, der Kirchenvater, hat das Leben des Paulus von Theben und ebenso die Begegnung mit Antonius aufgeschrieben. Demnach soll sich Paulus nach den Menschen und der Welt erkundigt haben; wie es den Menschen und der Welt ergehe; ob sich das Miteinander zum Guten weiterentwickelt habe, ob neue Häuser und Wohnstätten geschaffen worden seien; ob die Menschen über ihren egoistischen Schatten hinausblicken und Jesus in ihren Herzen finden können — ganz so wie er es getan hat.

Es zeigt sich, dass der Rückzug aus der Welt nicht die Sorge und das Mitgefühl für die Welt genommen hat. 90 Jahre bei Jesus in der Wüstenhöhle haben sein Interesse für die Menschen und die Welt nicht gemindert. Bei Jesus zu sein, und sei es als Einsiedler in der Wüste,

machte ihn nicht weltfremd. Vielmehr brachte er diese Welt mit dem Herzen, im Gebet, in vielen Fragen und im Schweigen zu Jesus – alles und alle wurden Jesus anvertraut, der die Welt erlöst hat und zu verwandeln mag, was verwandelt werden muss.

Antonius erlebte so die letzten Lebensstunden des Paulus mit. Er wird den Heiligen in der Wüste bestatten. Es heißt, zwei Löwen hätten mit ihren mächtigen Tatzen das Grab ausgehoben. Das bedeutet nichts anderes als den Hinweis: Einer ist gestorben, der ganz groß war in der Begegnung mit Jesus, der die Geduld hatte, bei Jesus sich aufzuhalten, ihn anzuschauen, ihn anzureden, zu hören und sich von ihm ansprechen zu lassen. Einer ist gestorben, der durch sein radikales und außergewöhnliches Lebensbeispiel nicht sang- und klanglos im Wehen der Zeit vergeht, sondern der bleibt – der beeindruckt und aus dem Schatz der Jesusbegegnung die Kraft schöpfte, Fürsprache für die Menschen bei Jesus einzulegen und für Jesus, den Sohn Gottes, ein unvergängliches Zeugnis zu geben.

Antonius hat diese Erfahrung selber weitergebracht. Auch für den Kirchenvater Hieronymus war es unersetzlich, 35 Jahre nach dem Tod des Paulus dessen Lebensgeschichte aufzuschreiben, damit viele von dieser reichen Jesuserfahrung des Paulus profitieren konnten und können – neugierig werden und Jesus fragen: „Rabbi, Meister, wo wohnst du?“

Der Orden der Pauliner hat sich von diesem Urvorbild der Jesusgemeinschaft anregen lassen und verrichtet seit vielen Jahrhunderten seinen Dienst – Gott sei Dank auch bei uns hier im Bistum Passau. Als Domdekan, dem Mariahilf ein großes Anliegen ist, stelle ich fest:

Ich bin so froh, dass ihr bei uns da seid und wirkt. Denn wir alle, die wir getauft sind oder vielleicht auch geweiht, wir alle brauchen ganz dringend diesen beständig Neugier weckenden Impuls, wie gut es ist, mit Jesus in Gemeinschaft zu sein. So führt ihr uns – wie Johannes der Täufer – direkt ins Evangelium zu Jesus, der uns fragt: „Was sucht ihr?“ –

Antworten, Schwestern und Brüder, müssen wir selbst.

Liebe Pauliner, vielen Dank für euren glaubensstarken und menschennahen Dienst mitten im Leben. Der heilige Paulus von Theben freut sich über euch. Ad multos annos. Amen.